Mehr Bike, weniger Moped

Shimano hat seinen neuen E-MTB-Motor offiziell vorgestellt. Die ersten zwei Bikes damit zeigen, wie unterschiedlich derselbe Antrieb ausfallen kann: Orbea baut ein 17-Kilo-Trailbike, Honda ein 24-Kilo-Bike im Motorrad-Look. Welche Richtung sich durchsetzt, entscheiden am Ende die Käufer.

von Robert Langer

Was Shimano vorgestellt hat

Am 6. November 2026 hat Shimano den EP810 offiziell präsentiert, nachdem Bilder und Daten schon seit Anfang der Woche im Netz kursierten. Der Motor wiegt laut Shimano 2,3 Kilo und liefert bis zu 100 Newtonmeter Drehmoment sowie 750 Watt Spitzenleistung. Zum Vergleich: Der Vorgänger EP801 kam auf 85 Newtonmeter und 600 Watt und war rund 400 Gramm schwerer.

Kurz erklärt, weil die Zahl oft missverstanden wird: Die 750 Watt sind eine Spitzenleistung, die der Motor kurzzeitig abgibt. Rechtlich bleibt ein E-MTB mit diesem Motor ein ganz normales Pedelec. Es unterstützt nur, wenn du trittst, und nur bis 25 km/h.

Die eigentliche Neuheit steckt in der Elektronik. Unter dem Namen „True Auto“ verbindet Shimano zwei Funktionen: Die automatische Schaltung (Auto Shift, nur mit elektronischen Di2-Schaltungen) und „Auto Assist“. Im Fahrmodus Trail+ passt der Motor seine Unterstützung selbst an Gelände und Fahrweise an, bergab nimmt er sich zurück, auf flachen Stücken spart er Akku. Dazu kommen eine neue App, ein neuer Akku mit 720 Wattstunden und ein neues Funkprotokoll namens D-FLY+. Wichtig für Besitzer älterer Shimano-Bikes: D-FLY+ funktioniert nicht mit älteren Shimano-Funkkomponenten.

Ein Motor, zwei Richtungen

Richtig spannend wird der EP810 erst, wenn man sieht, was die Hersteller daraus machen. Zum Start gibt es genau zwei Bikes, und die könnten kaum unterschiedlicher sein.

Orbea Rise (Modelljahr 2027): Orbea nutzt die volle Leistung bewusst nicht aus. Mit eigener Software (Orbea nennt sie „RS“) liefert der Motor zwar 100 Newtonmeter, aber nur 600 Watt Spitze. Statt Shimanos 720-Wh-Akku verbaut Orbea eigene Akkus mit 420 oder 630 Wattstunden. Das Ergebnis: ab 17 Kilo beim Rise SL mit 140 Millimetern Federweg und ab 18 Kilo beim Rise LT mit 160 Millimetern vorne und 150 hinten. Das Rise LT kostet je nach Ausstattung zwischen 5.999 Euro (M30) und 10.999 Euro (M-LTD RS).

Honda RN0: Das erste Serien-Mountainbike von Honda, vorgestellt auf der Motorradmesse EICMA in Mailand und gemeinsam mit dem deutschen Hersteller Rotwild entwickelt. Carbonrahmen aus einem Guss, eine Schwinge im Motorrad-Stil, vorne ein 29-Zoll- und hinten ein 27,5-Zoll-Laufrad, dazu der große Shimano-Akku mit 720 Wattstunden und die volle Motorleistung. Gewicht laut Honda: rund 24 Kilo. Einen Preis haben wir in Hondas Unterlagen nicht gefunden.

Derselbe Motor, rund sieben Kilo Unterschied. Die Richtung bestimmt nicht der Motor, sondern der Hersteller.
Mehr Bike, weniger Moped (4)

Wo das Gewicht herkommt, zeigt der Akku. Motor und Shimano-Akku wiegen zusammen rund 6,4 Kilo, noch ohne Kabel, Display und Halterungen. Allein der 720-Wh-Akku bringt 4,1 Kilo auf die Waage. Shimano schreibt den eigenen Akku aber nicht vor, Hersteller dürfen auch andere verbauen. Genau diesen Spielraum nutzt Orbea.

Shimano steigt aus dem Wettrüsten aus

Andere Anbieter setzen auf immer höhere Werte. DJIs Avinox M2S kommt auf bis zu 1.500 Watt Spitze und 150 Newtonmeter. Shimano geht da nicht mit. Der EP810 ist eher eine Weiterentwicklung des bekannten Prinzips: leichter, etwas stärker und mit mehr Automatik.

In der Community war die Stimmung vor dem Start vor allem eines: genervt. Viele Fahrer haben den Motor seit Monaten erwartet, wie in Foren immer wieder zu lesen war, Termine wurden mehrfach verschoben. Andere halten dagegen, dass sie auch mit ihrem älteren Shimano-Motor jede Steigung hochkommen und mehr Watt gar nicht brauchen.

Die ersten Testfahrten fanden auf Bikes statt, deren Hardware und Software noch in Entwicklung waren. Berichtet wurde unter anderem von Klappergeräuschen aus dem Motor bergab und einem spürbaren Ruck, wenn die Unterstützung an der 25-km/h-Grenze ab- und wieder einsetzt. Ob das bei den Serienbikes noch so ist, wird sich zeigen.

Wer entscheidet die Richtung?

Shimano liefert eine Plattform, die beides kann. Orbea macht daraus ein leichtes Bike, das sich möglichst nah am normalen Mountainbike anfühlen soll. Honda kommt aus der Motorradwelt und baut ein schweres Bike mit voller Leistung und Motorrad-Optik. Beides ist legal, beides wird seine Käufer finden. Die eigentliche Entscheidung fällt deshalb nicht bei Shimano, sondern im Laden: Welche Bikes gekauft werden, bestimmt, welchen Weg die Hersteller künftig gehen. Weitere Bikes mit dem EP810 sollen im kommenden Jahr folgen.

Ob die Räder ihren Preis wert sind, lässt sich erst sagen, wenn Serienbikes auf dem Trail waren. Klar ist schon jetzt: Wer ein leichtes E-MTB sucht, bekommt mit dem EP810 eine neue Option, die nicht auf Rekordwerte setzt.

Wir fragen uns: Bleibt Orbea mit dem leichten Weg die Ausnahme, oder folgen weitere Hersteller?

Und du? Mehr Bike oder mehr Moped: Welche Richtung würdest du kaufen? Schreib es in die Kommentare unter dem Artikel.

Published by Radical Life Studios / MTB Report



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