Mitten in den Dolomiten hat sich der Paganella Bike Park in den letzten Jahren zu einem der vollständigsten Reviere der Alpen entwickelt. Er liegt im Trentino, rund fünfzehn Kilometer von der Brennerautobahn A22 entfernt, und ist damit aus Süddeutschland und Österreich überraschend schnell erreichbar. Das Besondere an Paganella ist nicht ein einzelner Vorzeige-Trail, sondern die Aufteilung auf drei eigenständige Zonen mit jeweils komplett eigenem Charakter. Dieser Guide führt dich durch alle drei, durch die neuen Trails, die Klassiker, die praktischen Details und ein paar Dinge, die in den Hochglanzvideos selten vorkommen.

Paganella auf einen Blick

Der Park ist um drei Orte und drei Zonen herum aufgebaut. Andalo ist die Heimat des Flow. Fai della Paganella ist das technische, alte Herz des Projekts. Und Molveno ist die landschaftlich schönste Zone mit weitem Blick über den Molvenosee.

Über alle drei Zonen verteilt findest du rund sechsundzwanzig ausgewiesene Trails auf etwa achtzig Kilometern, dazu über dreihundert Kilometer Touren, drei Pumptracks und eine Skills Area. Die Talstationen liegen bei etwa achthundertsechzig Metern, der Gipfel der Cima Paganella auf zweitausendeinhundertfünfundzwanzig. Da kommt ordentlich Höhenmeter zusammen.

Die Andalo-Zone: Flow Country

Andalo ist für die meisten der natürliche Ausgangspunkt. Der Ort liegt zentral auf der Hochebene, alles ist zu Fuß erreichbar und die Talstation liegt direkt am Ort. Die Gondel Paganella 2001 bringt dich und dein Bike in geschlossenen Kabinen vom Zentrum den Berg hoch. Ein kleines, aber praktisches Detail: Unten gibt es eine Bikewash-Station, an der du an nassen Tagen den gröbsten Dreck abspülst, bevor du einsteigst.

An der Mittelstation hast du zwei Möglichkeiten. Du kannst in den Willy Wonka einsteigen, einen langen, verspielten Flowtrail, der dich komplett bis ins Ortszentrum bringt, oder du gönnst dir einen Espresso mit Aussicht. Weiter oben verbindet ein kurzer Transferweg zu einem Sessellift, der dich die restlichen Höhenmeter Richtung Gipfel zieht. Von ganz oben teilt sich das Gelände in zwei Lines. Eine davon, der Interstellar, verdient besondere Erwähnung. Er funktioniert als Brücke und schleust dich vom offenen, exponierten Gipfelgelände der Andalo-Seite hinüber Richtung Fai-Zone, direkt zum Trail, über den gerade alle reden.

Top Gun: der Trail, über den alle reden

Top Gun wurde im Frühjahr 2026 eröffnet und war sofort der Star der Saison. Ein großer Teil des Trails ist direkt in den blanken Fels gehauen, und das spürst du in jeder Kurve. Er fließt in Bodennähe durch die Felswand, die Anlieger schießen dich aus jeder Kurve, und dazwischen gibt es genug Air-Time, um Spaß zu machen, ohne einzuschüchtern.

Bei den Zahlen lohnt sich Präzision, weil da oft einiges durcheinandergeht. Der Top Gun selbst ist rund viereinhalb Kilometer lang und überwindet etwa fünfhundertsiebzig Höhenmeter, von der Seletta bis zur Mittelstation Meriz. Die größere Geschichte ist aber, was er ermöglicht. Jahrelang gab es im Netz eine Lücke. Top Gun schließt sie und macht es dadurch möglich, von ganz oben an der Cima Paganella bis hinunter nach Santel durchgehend auf gebauten Singletrails zu fahren. Das sind über tausend Höhenmeter Abfahrt am Stück, ohne einmal auf eine Schotterstraße zu wechseln. Diese Verbindung, mehr noch als der Trail selbst, ist der eigentliche Durchbruch.

Die Fai-Zone: die alte, ehrliche Seele

Top Gun bringt dich nach Meriz, dem Knotenpunkt der Fai-Zone. Hier ist einiges geboten, aber auf entspannte Art: eine Hütte zum Einkehren, eine kleine Skills Area, ein Pumptrack, eine Sommerrodelbahn und eine Zipline. Ein Platz, an dem man zwischen zwei Abfahrten gut eine Stunde verbringt.

Von Meriz geht es weiter über den blauen Peter Pan, der später auf den Easy Rider abzweigt, oder, für erfahrene Fahrer, über den Apocalypse Now. Die blauen Linien bringen dich hinunter nach Santel, einer kleinen zweiten Basis, die sich komplett anders anfühlt als Andalo. Kein Ortstrubel, nur ein ruhiger Parkplatz am Waldrand.

Santel ist der Ursprung. Die Fai-Zone ist bereits seit 2011 in Betrieb, lange bevor Andalo und Molveno dazukamen, was diesen Ort zum historischen Boden des gesamten Projekts macht. Erschlossen wird er über einen schnellen Vierer-Sessellift, und hier ein Tipp, der bares Geld wert ist: Diesen Lift und damit die ganze Fai-Zone kannst du auch mit dem günstigeren Einzelzonen-Ticket fahren. Wer einen ruhigen, technischen Tag ohne den Aufpreis für das große Drei-Zonen-Ticket sucht, ist hier richtig. Unten gibt es außerdem eine Pizzeria und einen Camperparkplatz.

Apocalypse Now: ein Trail mit Ruf

Der Apocalypse Now verdient eine eigene Erwähnung. Er ist mit doppeltem schwarzen Diamant nach kanadischem Vorbild bewertet, also klar den starken Fahrern vorbehalten. Er mischt harten Waldboden, blanke Felsplatten, dichte Wurzelfelder und Steilstücke, die keinen Zweifel daran lassen, wer hier das Sagen hat. Zwei Saisons lang war er Austragungsort einer Stage der Gravitalia-Downhill-Serie. Seine noch ruppigere Schwester heißt Arancia Meccanica. Wer sich in steilem, technischem Gelände nicht sicher fühlt, schiebt hier einzelne Passagen besser, statt es zu erzwingen.

Die Molveno-Zone: die landschaftliche Seite

Die dritte Zone, Molveno, ist die wohl schönste. Nach oben geht es mit der Molveno-Pradel-Gondel, dann weiter mit dem Pradel-Tovre-Sessellift, den Molvenosee ausgebreitet unter dir.

Ganz oben ist der Big Hero mit knapp zwei Kilometern der leichteste Trail im gesamten Park. Der Name ist ein Augenzwinkern, denn hier braucht es am wenigsten Heldentum. Offenes Gelände, weite Anlieger, sanfte Roller und durchgehend Blick auf die Brenta und den See machen ihn zur idealen Line für Einsteiger. Darunter legt der Blade Runner nach, ein Rollercoaster durch den Wald mit Sprüngen und Wallrides. Zu beachten ist, dass er mit einem längeren Wurzelstück startet, das ehrlicherweise der schwierigste Teil des Trails ist. Er geht direkt in den Goonies über, eine schmalere, wurzeligere und steinigere Line, die als Einstieg in natürliches Downhill-Gelände dient und dabei richtig schön durch den Wald führt. Abgerundet wird die Zone vom Matrix, einem frisch gebauten Trail voller schneller, parabolischer Kurven, die dich mit wenig Bremsen durchziehen.

Ein praktischer Hinweis: Der Ude’s Trail, eine lange Naturline von rund acht Kilometern, die Molveno zurück Richtung Andalo verbindet, kann kurzfristig gesperrt sein. In dem Fall bleibt statt Singletrail nur der Rückweg über die Straße. Es lohnt sich also, vorab den tagesaktuellen Trailstatus zu prüfen.

Trailzustand und Pflege

Ein Park dieser Größe entwickelt zwangsläufig hier und da Bremswellen. Entscheidend ist die Pflege, und dabei hat sich Paganella einen guten Ruf erarbeitet: Mehrere Teams arbeiten mit großem Gerät gegen Erosion, beschädigte Brücken und ausgefahrene Passagen. In der Praxis halten die oberen Trails sehr gut, während die blauen Linien weiter unten mehr Bremswellen zeigen, schlicht weil sie den meisten Verkehr und das meiste Bremsen von weniger geübten Fahrern abbekommen.

Eine Bedingung solltest du einplanen. Der hiesige Kalkstein wird bei Nässe richtig rutschig, und schräge Wurzeln machen es zusätzlich anspruchsvoll. Bei feuchten Verhältnissen macht eine griffigere, weichere Gummimischung einen spürbaren Unterschied gegenüber einem schnellen, aber härteren Reifen. Trocken ist davon nichts ein Thema.

Unterkunft

Die Faustregel ist einfach. Wer das Biken in den Vordergrund stellt und kurze Wege zum Lift will, wählt Andalo. Wer es ruhiger und näher am Wasser mag, entscheidet sich für Molveno. In Andalo gibt es den zentral gelegenen Camping Andalo Life sowie die Camper Van Area Rindole, für Puristen dazu Stellflächen direkt am Lift. Molveno hat einen herrlich am See gelegenen Campingplatz, der in der Hauptsaison allerdings gefragt und entsprechend teuer ist. Auch in der Fai-Zone ist Camperstellen unten in Santel möglich, die unaufgeregteste Variante von allen.

Praktische Infos

Anreise: Trentino, rund fünfzehn Kilometer von der A22 (Brenner).

Zonen: Andalo (Flow), Fai della Paganella (Technik und Downhill), Molveno (Panorama).

Tickets 2026: rund siebenundfünfzig Euro für alle drei Zonen, etwa sechsundvierzig Euro für eine Einzelzone. Die aktuellen Preise vor der Anreise auf der offiziellen Parkseite prüfen.

Beste Zeit: Mai und Juni sowie September. Dann sind die Trails trocken und deutlich leerer als im Hochsommer. Früh am Vormittag zu fahren lohnt sich, weil Andalo an starken Tagen voll wird.

Bike: Für den Flow in Andalo reicht ein Trailbike um die hundertdreißig Millimeter. Für die harten Linien in Fai solltest du mit hundertsechzig Millimetern und Enduro- oder Downhill-Geometrie anrücken.

Paganella ist nicht ein Berg, sondern drei Gesichter desselben Massivs. Du bekommst Flow und brandneue Fels-Trails über Andalo, hartes und historisches Fahren in Fai und Seepanorama in Molveno, zusammengehalten vom Top Gun, einem Trail, der eine jahrelange Lücke schließt und sich fährt wie direkt aus einem Actionfilm ausgeschnitten. Für ein Revier, das so schnell erreichbar und vor Ort so abwechslungsreich ist, spricht viel dafür, es weit oben auf die Liste der alpinen Bikeparks zu setzen.


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