Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Schwalbe bringt die ersten Gravelreifen in der neuen Größe. Was das für dich heißt, wenn du gerade über einen Bikekauf nachdenkst.
von Robert Langer
Es gibt Produktankündigungen, die nur die Rennszene interessieren. Und es gibt welche, die dir ein ungutes Gefühl in die Magengrube legen: Ist mein Bike, das ich gerade kaufen will, in zwei Jahren ein Auslaufmodell? Die Schwalbe-Meldung von heute gehört in die zweite Kategorie. Also schauen wir uns in Ruhe an, was da wirklich steht, was die Szene dazu sagt, und was das konkret für dich bedeutet.
Was Schwalbe tatsächlich ankündigt
Schwalbe bringt zwei bekannte Gravelprofile in der neuen Größe: G-ONE RS PRO und G-ONE RX PRO, jeweils in 50 und 55 mm Breite. Verfügbar sind sie ab April 2027, passende Schläuche gibt es zeitgleich. Verschiedene MTB-Reifen in 32 Zoll sollen ebenfalls kommen, Details nennt Schwalbe noch nicht.
Der technische Kern der Meldung steckt in einer einzigen Zahl: 686 mm ETRTO-Durchmesser. ETRTO ist schlicht das genormte Maß, an dem du erkennst, ob ein Reifen auf deine Felge passt. Dein aktuelles Gravelbike fährt 622 mm, und jedes 29er-Mountainbike ebenfalls. 686 mm bedeuten also 64 mm mehr Durchmesser, gut drei Zentimeter mehr Radius. Das ist kein Detail, das ist ein neuer Rahmen, eine neue Gabel, ein neuer Laufradsatz.
Und jetzt der Teil, der in den meisten Meldungen untergeht. Die ersten 32-Zoll-Gravelbikes kommen laut Schwalbe schon zum Herbstbeginn 2026, also faktisch jetzt. Die passenden Reifen gibt es aber erst gut ein halbes Jahr später. Wer sich als einer der Ersten so ein Rad in den Keller stellt, fährt bis dahin mit dem, was ab Werk montiert ist, und hat bei einem Defekt schlechte Karten.
Bemerkenswert ist, wie offen Schwalbe mit der eigenen Skepsis umgeht. „Anfangs waren wir skeptisch, ob 32 Zoll eine sinnvolle Ergänzung ist. Doch je mehr wir getestet haben, desto eindeutiger fiel das Fazit aus: Wer auf 32 Zoll fährt, spürt definitiv einen Unterschied“, sagt Felix Schäfermeier, Head of Product Management bei Schwalbe. Noch im Januar klang das Unternehmen deutlich zurückhaltender und sprach von einem Marktstart frühestens 2027, ohne konkrete Modelle zu nennen. Das Tempo hat also spürbar angezogen.
Warum gerade jetzt alle über 32 Zoll reden
Der Grund sind Rennergebnisse, nicht Prospekte. Robin Gemperle gewann das Unbound XL, eines der härtesten Gravelrennen der Welt, auf 32-Zoll-Prototypen des G-ONE RX PRO. Und am 12. September fiel die nächste Marke: Bei den Marathon-Weltmeisterschaften im italienischen Primiero San Martino di Castrozza, 95,3 Kilometer und 3.850 Höhenmeter, holten Anna Weinbeer und Andreas Seewald die Titel. Seewalds Sieg gilt als erster WM-Titel auf 32 Zoll.
Dazu kommt eine regulatorische Kleinigkeit mit großer Wirkung: Der Radsportverband UCI hat für 2026 keine Obergrenze bei der Laufradgröße gesetzt. 32 Zoll ist im Rennen also erlaubt, im Cross-Country genauso wie im Downhill. Damit ist der Weg frei, und die Hersteller nutzen ihn. Stoll hat ein 32-Zoll-Bike in Serie, Salsa bringt den Fargo in 32 Zoll, Scott fuhr einen Gravel-Prototypen beim Unbound, und auch bei Trek hat man ein 32er-XC-Bike schon im Renneinsatz gezeigt.
| Erste Rennsiege sind ein Signal, kein Beweis. Nino Schurter hat jahrelang auf 27,5 Zoll gegen 29er gewonnen. |
Was größere Laufräder bringen, und was sie kosten
Die Physik ist dieselbe wie damals beim Sprung von 26 auf 29 Zoll, und sie ist nicht kompliziert. Ein größeres Rad trifft eine Wurzel oder eine Kante in einem flacheren Winkel. Es rollt also leichter darüber, statt dagegen zu stoßen. Dazu kommt eine längere Aufstandsfläche, was mehr Traktion und mehr Ruhe im Bike bedeutet. Schwalbe nennt für den Graveleinsatz genau das: stabileres Fahrverhalten, mehr Grip, mehr Komfort.
Der Preis dafür steht ebenso fest. Mehr Material bedeutet mehr Gewicht, und das sitzt am ungünstigsten Ort, nämlich außen am Rad. Rotierende Masse musst du bei jeder Beschleunigung neu in Schwung bringen. Dazu kommen ein höheres Vorderende, mehr Platzbedarf im Rahmen und in der Gabel, und weniger Handlichkeit in engen Kehren. Wer viel auf verwinkelten Trails unterwegs ist, gewinnt beim Überrollen und verliert beim Umlegen.
Was die Community sagt
In den deutschsprachigen Foren ist der Grundton klar: Hier treibt die Industrie, nicht der Fahrer. In einer Zeit, in der viele mit dem Bikekauf zögern, ist die nächste Neuerung eben naheliegend. Wer auf 32 Zoll wechselt, braucht Rahmen, Gabel, Laufräder und Reifen, also am Ende ein neues Bike. Dieses Misstrauen ist berechtigt und trotzdem nicht das ganze Bild. Denn genau dieselben Sätze standen vor fünfzehn Jahren über die 29er, die heute Standard sind.
Der ehrlichste Satz der ganzen Debatte kommt aus einem Forum und lautet sinngemäß: viel Meinung, wenig Erfahrung. Die allermeisten, die 32 Zoll laut ablehnen oder laut feiern, sind noch nie eines gefahren. Dazu passt der pragmatische Einwand, dass Standards im Radsport selten durch Absprache entstehen, sondern dadurch, dass Fahrer mit dem Geldbeutel abstimmen. Cube und Giant haben sich seinerzeit lange gegen 29 Zoll gestemmt, und es hat ihnen nichts genützt.
Im englischsprachigen Raum wird mehr gespottet, aber dort fällt auch das stärkste Argument für die neue Größe. Wer klein ist, kann heute zwischen 26, 27,5 und 29 Zoll wählen oder ein Mullet-Setup fahren, also ein größeres Vorderrad mit kleinerem Hinterrad. Wer 1,95 m groß ist, hatte bisher genau eine Option. Für diese Fahrer ist 32 Zoll keine Mode, sondern endlich eine passende Größe.
Gegenrede aus derselben Ecke, und zwar von jemandem, der mehrere 32er tatsächlich gefahren ist: Die Nachteile bei Agilität, Geometrie, Passform, Beschleunigung und Gewicht wögen schwerer als der leichte Vorteil beim Überrollen. Und ein Kommentar rechnet nüchtern nach: Bringt 32 Zoll ungefähr das eine Prozent, das 29 Zoll gegenüber 26 Zoll gebracht hat, wären das bei der Marathon-WM unter drei Minuten gewesen. Am Ergebnis hätte das nichts geändert.
| Wer klein ist, hat die Wahl zwischen drei Laufradgrößen und Mullet. Wer 1,95 m groß ist, hatte bisher genau eine. |
Die Haken, über die das Marketing nicht spricht
- Die Reifenlücke. Bikes ab Herbst 2026, Reifen ab April 2027. Ein gutes halbes Jahr, in dem du an das gebunden bist, was der Hersteller montiert hat.
- Ersatz unterwegs. Ein Reifenschaden am dritten Tag deiner Alpenüberquerung ist mit 29 Zoll ein Ärgernis. Mit 32 Zoll ist er 2027 ein ernsthaftes Problem, weil kein Händler im Tal einen im Regal hat.
- Körpergröße. Unter etwa 1,80 m wird es schwierig, unter 1,70 m sehr schwierig. Erste Hersteller behaupten, sie hätten die Geometrie auch für kleine Rahmengrößen gelöst. Das muss die Praxis erst zeigen.
- Die Technik dahinter. Der Laufradhersteller Newmen hat über 60 Laufradkonfigurationen im Labor und 20 in der Praxis untersucht. Das Ergebnis ist eine Warnung: Ein 29er-Design einfach hochzuskalieren reicht nicht. Ohne angepasste Naben- und Geometriestandards zahlst du mit Steifigkeit und Haltbarkeit.
- Der Wiederverkaufswert. Setzt sich 32 Zoll durch, ist dein 29er in fünf Jahren das, was heute ein 27,5er ist: fahrbar, aber schwer zu verkaufen. Setzt es sich nicht durch, gilt dasselbe für dein 32er. Diese Wette geht in beide Richtungen.
Und jetzt? Kaufst du noch ein 29er?
Ja. Für die allermeisten von uns ist die Antwort ein klares Ja, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Hier die Einordnung nach Fahrertyp:
- Einsteiger und Amateure bis etwa 1,80 m: Kauf, was jetzt passt. 29 Zoll und 700c bleiben auf Jahre hinaus der Standard mit der größten Auswahl, den besten Preisen und Reifen an jeder Ecke. Für dich bringt 32 Zoll keinen Vorteil, der die Nachteile aufwiegt.
- Über 1,85 m, viel Marathon, Gravel oder Bikepacking: Hinschauen lohnt. Wenn dein nächster Bikekauf ohnehin erst 2027 oder 2028 ansteht, warte ab und fahr vorher Probe. Für dich ist das die interessanteste Entwicklung seit dem 29er.
- Rennfahrer: Das Thema ist real, testen ist Pflicht. Ein Prozent ist im Rennen ein Prozent, auch wenn es das Rennen selten entscheidet.
- Wer gerade ein konkretes Bike im Auge hat: Kaufen. Ein gutes Bike wird nicht schlechter, weil daneben etwas Größeres steht.
Fazit
32 Zoll ist kein Marketing-Gag mehr, dafür sprechen ein WM-Titel, ein Unbound-Sieg und die Tatsache, dass ein Reifenhersteller seine eigene Skepsis öffentlich zu Protokoll gibt. Es ist aber eben auch kein Ersatz für 29 Zoll, sondern eine zusätzliche Option, und die richtet sich zuerst an große Fahrer und an Rennfahrer. Der ehrlichste Umgang damit ist Neugier ohne Nervosität.
Was uns an der Debatte wirklich stört, ist nicht die Laufradgröße. Es ist die Erwartungshaltung, dass die Szene alle paar Jahre neu kaufen soll, damit die Bilanzen stimmen. Große Räder gehören auf den Trail und nicht in eine Verkaufspräsentation. Wenn 32 Zoll gut ist, wird es sich durchsetzen, weil Fahrer es wollen. Und wenn nicht, ist auch das eine Antwort.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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