Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Von Oktober bis Januar hängen in vielen Wäldern wieder die Schilder mit dem Ausrufezeichen. In Foren und Gruppen machen gleichzeitig Geschichten von Bikern die Runde, die für Wild gehalten wurden. Was davon stimmt, was die Schilder rechtlich bedeuten und wie du dich mit wenig Aufwand sichtbar machst.
Warum das Thema gerade wieder hochkocht
Zwei Fälle werden aktuell besonders oft geteilt. Der erste spielt in der Schweiz: In der Forêt de Chaumont bei Neuchâtel nahm ein Jäger einen Mountainbiker ins Visier, bevor er seinen Irrtum erkannte. Geschossen wurde nicht. Der zweite Fall endete schlimmer: In Forallac in der Provinz Girona traf ein Jäger bei einer Treibjagd einen 54-jährigen Radfahrer, den er für ein Wildschwein hielt. Der Mann kam in kritischem Zustand ins Krankenhaus.
Beide Fälle sind echt. Neu sind sie nicht. Chaumont liegt im November 2018, Forallac im Februar 2024. Wer sie ohne Datum weiterteilt, erzeugt den Eindruck einer aktuellen Häufung. Den gibt die Faktenlage nicht her.
Trotzdem lohnt der zweite Blick, denn beide Fälle zeigen etwas. In Chaumont trug der Biker ein gelbes Trikot, der Jäger räumte später ein, ein paar Bier getrunken zu haben. Der Kanton Neuchâtel hat daraufhin eine Promillegrenze von 0,5 für die Jagd eingeführt, sie gilt seit Januar 2023. In Forallac war der Schütze nüchtern, die Ermittler gingen von einem Schuss ohne klare Sicht auf das Ziel aus. Alkohol ist also nicht die ganze Erklärung, und helle Kleidung ist keine Garantie.
| Die Fälle sind nicht neu. Aber die Saison ist es. |
Zur Einordnung gehört auch: Jagdunfälle, bei denen Unbeteiligte verletzt werden, sind selten. Das Westschweizer Fernsehen etwa bezeichnete sie für die Schweiz schon 2018 als absolute Ausnahme. Panik ist nicht angebracht. Ein paar Minuten Nachdenken vor der Herbstrunde schon.
Wann und wie gejagt wird
Laut Deutschem Jagdverband ist die Hauptzeit der sogenannten Bewegungsjagden von Oktober bis Januar. Für Einsteiger kurz erklärt: Bei einer Drückjagd oder Treibjagd laufen Treiber und Hunde durch ein Waldstück und bringen Rehe, Hirsche und Wildschweine in Bewegung. Die Jäger warten an festen Ständen am Rand. Das Wild quert dabei Wege und Straßen, auch mitten am Tag. Genau das ist die Situation, in der Menschen und Tiere am ehesten gleichzeitig in Bewegung sind.
Daneben gibt es das ganze Jahr über die Ansitzjagd. Dabei sitzt ein einzelner Jäger auf dem Hochsitz, meist in der Morgen- und Abenddämmerung, wenn das Wild aktiv ist. Also genau dann, wenn viele von uns nach Feierabend noch eine Runde drehen.
Was die Schilder rechtlich bedeuten
„Achtung Jagd“ auf einem Schild klingt nach Verbot. In den meisten Fällen ist es keins. Das allgemeine Betretungsrecht im Wald gilt weiter, und für eine Drückjagd lässt sich der Wald in der Regel nicht einfach sperren. Die Schilder sind ein Warnhinweis des Jagdleiters, der deutlich machen soll, dass hier gerade eine besondere Gefahr besteht.
Das kann sich ändern. Der Entwurf für das neue Landeswaldgesetz in Nordrhein-Westfalen sieht vor, dass Wald für die Durchführung einer Bewegungsjagd künftig offiziell gesperrt werden kann. Aus unserer Sicht ist das zweischneidig. Eine klar befristete, rechtzeitig angekündigte Sperrung ist ehrlicher als ein Schild, das mehr verspricht, als es rechtlich hält. Sie darf aber nicht zum Werkzeug werden, um Erholungssuchende dauerhaft aus dem Wald zu halten.
Unabhängig von der Rechtslage gilt ganz praktisch: Hinter so einem Schild stehen tatsächlich Menschen mit geladenen Waffen. Umdrehen ist in diesem Fall kein Gehorsam, sondern gesunder Menschenverstand.
| Rechtlich oft nur ein Hinweis. Praktisch ein sehr guter Grund, heute eine andere Runde zu fahren. |
Wer trägt die Verantwortung?
Das ist eindeutig geregelt. Die Unfallverhütungsvorschrift Jagd der landwirtschaftlichen Sozialversicherung schreibt vor, dass ein Schuss erst abgegeben werden darf, wenn sich der Schütze vergewissert hat, dass niemand gefährdet wird. Bei Gesellschaftsjagden müssen sich alle Beteiligten farblich deutlich von der Umgebung abheben, und bei schlechter Sicht wie dichtem Nebel oder einsetzender Dunkelheit muss der Jagdleiter die Jagd abbrechen.
Die Verantwortung liegt also beim Schützen, nicht bei dir. Das ist wichtig, weil in Diskussionen gern der Eindruck entsteht, Biker seien selbst schuld, wenn sie im Herbst im Wald unterwegs sind. Sind sie nicht. Aber Recht zu haben, schützt dich nicht vor einem Fehler eines anderen. Deshalb lohnt es sich, das Risiko auf deiner Seite klein zu halten.
So machst du dich sichtbar und hörbar
Farbe statt Tarnlook
Braun, Oliv, Grau und Schwarz sind im Herbstwald die schlechteste Wahl. Eine Warnweste, eine Jacke in Signalorange oder Neongelb, ein heller Helm oder ein Rucksackcover kosten wenig und wirken sofort. Jäger tragen Orange übrigens nicht zufällig: Rehe und Hirsche nehmen diese Farbe nach heutigem Wissen kaum als Signal wahr, Menschen dagegen sehr wohl. Der Fall Chaumont zeigt, dass Farbe allein nicht reicht. Sie senkt das Risiko, sie beseitigt es nicht.
Dämmerung bewusst planen
Die Feierabendrunde in der Dämmerung fällt genau in die Hauptzeit der Ansitzjagd. Wenn es geht, verleg die Waldrunde im Herbst nach vorn. Wenn nicht, fahr mit Licht, auch wenn es auf dem Forstweg noch hell genug erscheint.
Termine checken
Viele Forstbetriebe und Gemeinden kündigen größere Bewegungsjagden vorab an, online, im Amtsblatt oder in der Lokalzeitung. Ein kurzer Blick vor dem Wochenende spart dir im Zweifel eine abgebrochene Tour.
Bemerkbar machen statt vorbeischleichen
Wenn du Schüsse hörst, Hundegebell und Rufe aus dem Unterholz oder Schilder siehst: Such dir eine andere Runde. Gerätst du trotzdem mitten in eine Jagd, bleib auf dem Weg, halt an und mach dich laut bemerkbar. Eine menschliche Stimme ist das zuverlässigste Signal, dass hier kein Wildschwein kommt. Folge den Anweisungen von Treibern oder Jagdleitung.
Wenn etwas passiert
Wirst du bedroht, angeschossen oder mit einer Waffe ins Visier genommen: Merk dir den Ort so genau wie möglich und ruf die Polizei. Auch das zeigt der Fall Chaumont. Der Präsident der kantonalen Jägervereinigung bedauerte damals öffentlich, dass der Biker nicht sofort die Polizei eingeschaltet hatte. Das kann man zynisch finden. Man kann es auch als Anleitung verstehen.
Unsere Einordnung
Jagd und Mountainbiken teilen sich denselben Wald, und beides hat dort seinen Platz. Die Jagd erfüllt eine Aufgabe, ohne sie wären die Schäden durch hohe Wildbestände in vielen Regionen deutlich größer. Wir Biker nutzen den Wald zur Erholung, dafür gibt es das Betretungsrecht. Konflikte entstehen meist dort, wo die eine Seite nicht weiß, was die andere gerade tut.
Genau da sehen wir Luft nach oben. Ein handgemaltes Schild am Wegrand ist 2026 keine zeitgemäße Kommunikation. Öffentlich einsehbare Jagdtermine, gebündelt pro Region und so einfach abrufbar wie eine Wetter-App, würden beiden Seiten mehr bringen als jede Debatte über Schuld. Bis es so weit ist, bleibt die beste Lösung simpel: eine Warnweste im Rucksack und die Bereitschaft, an einem Samstag im November auch mal eine andere Runde zu fahren.
| Öffentlich einsehbare Jagdtermine würden beiden Seiten mehr bringen als jede Debatte über Schuld. |
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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