Der ZIV ist am 21. Januar 2026 der Coalition for Cyclist Safety (C4CS) beigetreten. Offiziell geht’s um mehr Sicherheit für Radfahrende und andere „ungeschützte Verkehrsteilnehmende“. Klingt erstmal wie ein Nobrainer.

Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report

C4CS selbst verkauft das als Mission: ein V2X-Ökosystem, in dem „Bikes Autos sehen“ und „Autos Bikes sehen“ – also digitale Sichtbarkeit, Warnungen, weniger Crashs. Der Startschuss für diese Koalition fiel am 23. Oktober 2023 und das Ganze ist klar als Deployment-Projekt gedacht, nicht als „wir diskutieren mal“.

Und jetzt kommt der Teil, der unbequem ist – aber ehrlich.

Die Verantwortung wird verschoben – vom Auto aufs Fahrrad

Wir reden hier über ein Grundproblem: Der Straßenverkehr ist nicht symmetrisch. Ein Fahrrad ist leicht, verletzlich, braucht Schutz. Ein Auto oder LKW ist schwer, gefährlich, braucht Kontrolle. Wenn wir anfangen, Sicherheit so zu framen, dass das Bike erst “smart” werden muss, damit es sicher ist, drehen wir die Logik um.

Denn moderne Autos können Radfahrende heute schon erkennen. Euro NCAP testet seit Jahren AEB-Systeme, die explizit auf Radfahrer-Szenarien reagieren sollen – inkl. „Radfahrer kreuzt“, „Radfahrer verdeckt durch parkende Fahrzeuge“ usw.
Und über die EU-Sicherheitsvorgaben werden Assistenzsysteme in Neufahrzeugen ohnehin schrittweise Pflicht – mit dem Ziel, auch Fußgänger und Radfahrende besser zu schützen.

Heißt übersetzt: Die technische Basis ist auf der Auto-Seite längst da. Die Frage ist nicht, ob Autos können – sondern ob sie flächig gut genug müssen und ob die Systeme sauber kalibriert und weiterentwickelt werden.

Und genau da wird’s politisch: Wenn man stattdessen sagt „Lasst die Bikes senden“, entsteht ein gefährlicher Nebeneffekt: Man kann später behaupten, Radfahrende seien selbst schuld, wenn sie „nicht vernetzt“ sind. Das ist der Moment, in dem Sicherheit vom Standard zum Upgrade wird.

Bikes werden teurer – und Sicherheit wird zur Ausstattungsfrage

V2X am Bike heißt: Hardware, Energieversorgung, Zertifikate/Security, Updates, Integration – oft begleitet von App-Logik. Das landet zuerst im Premium-Segment, im E-Bike-Bereich und bei „Connected“-Zubehör. Ergebnis: Mehr Sicherheit für Leute mit Budget. Alle anderen fahren weiter auf derselben Kreuzung – nur eben ohne „digitalen Schutzschirm“.

Das ist keine kleine Nebenwirkung. Das ist eine Grundsatzfrage: Ist Verkehrssicherheit ein Feature – oder Pflichtaufgabe?

Tracking: Nicht die Funkidee ist das Problem – sondern das Ökosystem drumherum

Die V2X-Welt weiß, dass Tracking ein Risiko ist. Deshalb gibt es Privacy-Mechanismen wie wechselnde Pseudonyme (Pseudonym-Zertifikate), die dauerhafte Wiedererkennung erschweren sollen.

Aber Hand aufs Herz: Das größte Tracking-Risiko entsteht selten durch „irgendwer hört Funk“. Es entsteht durch Apps, Accounts, Cloud-Services, Telemetrie und Geschäftsmodelle. Sobald Connected-Safety an ein Konto gekoppelt ist, ist das nicht mehr “Sicherheit”, sondern „Sicherheit als Plattform“. Und du hast völlig recht, das abzulehnen: Niemand sollte das Recht auf freie Bewegung gegen ein Datenabo eintauschen müssen.

Umwelt: Noch ein Modul ist nicht der Akku – aber es ist trotzdem mehr Müllpotenzial

Ja, ein V2X-Modul hat nicht den Impact eines 700-Wh-Akkus. Aber es ist trotzdem zusätzliche Elektronik, die produziert, transportiert, gewartet und irgendwann entsorgt wird. Und die entscheidende Frage ist nicht „wie viel Gramm“, sondern: Wie langlebig ist das System? Wie lange gibt’s Updates? Ist es modular? Reparierbar? Oder ist es das nächste Teil, das nach ein paar Jahren „End of Support“ ist und damit faktisch Elektroschrott wird?

Wenn diese Fragen nicht beantwortet werden, wird „Sicherheit“ schnell zum Feigenblatt für die nächste Welle Tech-Ballast.

Infrastruktur wird nicht besser, nur weil Daten fließen

Unfallbrennpunkte sind vielerorts bekannt – und trotzdem bleibt die Infrastruktur veraltet. Das ist der Kern deiner Aussage, und der sitzt: Fahrräder haben sich weiterentwickelt, die Infrastruktur nicht.
Die Gefahr ist, dass Politik irgendwann nur noch „Brennpunkte optimiert“ und den Rest vernachlässigt – und wenn’s nicht reicht, kommen Verbote oder Einschränkungen statt Umbau.

Das wäre der Super-GAU: Wir machen den Straßenraum nicht sicherer, wir machen ihn nur „überwachter“ und „regulierter“.


V2X kann eine zusätzliche Schutzschicht sein – gerade in Abbiegesituationen und an verdeckten Kreuzungen. Aber es darf niemals zur neuen Normalität werden, dass das Fahrrad aufrüsten muss, damit das Auto es ernst nimmt.

Wenn moderne Fahrzeuge Radfahrende bereits per Sensorik erfassen und Euro-NCAP & EU-Regeln genau diese Richtung pushen, dann ist die logische Priorität: Software und Standards im Auto besser machen, Infrastruktur modernisieren – und V2X am Bike höchstens als optionales Extra, nicht als Voraussetzung.


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