Wachstum ist vorbei – jetzt beginnt die Phase der Korrektur

Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report

Es gibt Phasen im Mountainbiken, da entwickelt sich Technik leise und stetig.
Und dann gibt es Phasen, in denen Innovation plötzlich laut wird.

2025 und der Übergang in 2026 gehören eindeutig zur zweiten Kategorie.

Viele Entwicklungen der letzten Zeit beeinflussen die Richtung, in die sich der Mountainbike-Sport bewegt. Wir sind keine Nische mehr. Wir sind eine Bewegung. Und wie jede Bewegung bringt auch diese innere Spannungen mit sich.

Bio-Bike gegen E-MTB.
Profis gegen Einsteiger.
Mediendinosaurier gegen Influencer.

Konfliktpotenzial gibt es überall. Doch vieles davon ist überflüssig, oft künstlich aufgeladen. Der Blick auf die Realität zeigt: Die eigentlichen „Influencer“ der Szene sind nicht einzelne Personen – es sind Hersteller, Vertrieb (Bike-Shops und Werkstätten) und gesetzliche Rahmenbedingungen.

Und genau dort wird sich 2026 Entscheidendes verändern.


Kapitel 1 – Dämpfer und Federgabeln: Innovation oder Inszenierung?

Fox und RockShox präsentieren neue Plattformen, neue Designs, neue Narrative. Upside-Down-Gabeln feiern ihr Comeback, Dämpferarchitekturen werden neu verpackt, Gerüchte über PID- und semi-elektronische Fahrwerke machen die Runde. Testbikes mit Kabeln, Sensoren und abgedeckten Komponenten tauchen auf Rennstrecken und Events auf. Die sozialen Medien liefern die passenden Bilder – die Branche die passenden Superlative.

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Innovationsfeuerwerk.
Auf den zweiten Blick stellt sich eine unbequeme Frage:

Was davon ist echte Weiterentwicklung –
und was ist vor allem Inszenierung?

Der Kampf um die Deutungshoheit

Fox und RockShox kämpfen längst nicht mehr nur um Marktanteile. Sie kämpfen um etwas Fundamentaleres: um die Rolle des technologischen Taktgebers.

In einem Markt, der mechanisch weitgehend ausentwickelt ist, reicht es nicht mehr, solide zu sein. Wer führen will, muss sichtbar führen. Man muss zeigen, dass man die Zukunft denkt – selbst dann, wenn diese Zukunft noch gar nicht auf dem Trail angekommen ist.

Die Fox Podium USD war genau so ein Statement.
Eine Gabel, die Aufmerksamkeit garantiert.
Eine Konstruktion, die Diskussionen provoziert.
Und ein Produkt, das vor allem eines erreicht hat: maximale Sichtbarkeit.

Upside-Down-Gabeln sind keine neue Idee. Sie waren da – und sie verschwanden wieder. Nicht aus Ignoranz, sondern weil sie im MTB-Alltag kaum echte Vorteile gegenüber klassischen Bauformen boten: weder beim Gewicht, noch bei der Steifigkeit, noch bei Wartung und Langzeitstabilität.

Dass Fox diesen Weg trotzdem erneut geht, ist kein technischer Zufall.
Es ist ein kommunikatives Signal.

RockShox: Evolution mit gleichem Ziel

RockShox wählt einen defensiveren Ansatz. Statt spektakulärer Bauformen setzt man auf neue Dämpferplattformen, veränderte Luftkammern, feinere Einstelllogiken. Technisch sauber, nachvollziehbar – aber ebenso strategisch inszeniert.

Auch hier gilt: Die Fortschritte sind real, aber sie sind inkrementell, nicht revolutionär. Genau deshalb tauchen Gerüchte über PID-Fahrwerke und teilautomatisierte Systeme immer wieder auf. Wenn Mechanik ausgereizt ist, wird Elektronik zum nächsten Hoffnungsträger.

Realität statt Narrativ

Mehr Sensoren bedeuten mehr Komplexität.
Mehr Software bedeutet mehr Fehlerquellen.
Und mehr Technik bedeutet vor allem: mehr Serviceaufwand.

Was im Labor oder im Rennbetrieb funktioniert, stößt im Alltag schnell an Grenzen. Nicht jeder Ride ist ein World-Cup-Run. Nicht jeder Fahrer möchte Firmware-Versionen prüfen oder Fehlermeldungen interpretieren.

Die Szene ist nicht technikfeindlich –
aber zunehmend allergisch gegen Innovation um der Innovation willen.


Kapitel 2 – Super-Light-E-MTBs: Die Rückkehr zur Balance

Parallel zur Hightech-Debatte verändert sich der Markt leise – aber spürbar. Weg von Full-E-MTB-Monstern, hin zu Super-Light-E-MTBs.

Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie ist die direkte Folge dessen, wer in den letzten Jahren neu in den Sport gekommen ist – und warum.

Viele suchten nicht den technischen Trail, nicht das Erklimmen eines Berges aus eigener Kraft. Sie suchten den Ausflug, das Erlebnis, die Reichweite. Das war nicht falsch. Es hat den Sport geöffnet und wirtschaftlich gestärkt. Aber es hat ihn auch verschoben.

Große Akkus, maximale Unterstützung, maximale Fehlertoleranz waren die logische Antwort der Industrie. Bikes, mit denen sich 2.000 Höhenmeter ohne Anstrengung bewältigen lassen – oft, um anschließend auf Schotter oder Asphalt wieder hinunterzurollen.

Der sportliche Kern des Mountainbikens wurde nicht zerstört – aber überlagert.

Jetzt kommt die Gegenbewegung. Super-Light-E-MTBs verlangen wieder Mitarbeit. Uphills machen Spaß, flache Trails werden zur Rakete. Das ist kein Rückschritt. Das ist Normalisierung.

Der Preis der Rückbesinnung

Diese Entwicklung hat ihren Preis. Super-Light-E-MTBs sind technisch aufwendig, präzise, anspruchsvoll – und teuer. Gleichzeitig entfernen sich viele Full-Power-E-MTBs immer weiter von echten Trail-Genen und werden zu Showbikes.

Santa Cruz zeigt dieses Dilemma exemplarisch. Das Heckler wurde über Jahre immer leichter, immer besser – und begann, das eigene Portfolio zu kannibalisieren. Zu gut für die interne Strategie, hervorragend für den Kunden.

Das zeigt eine harte Wahrheit: Hersteller müssen sich entscheiden. Ein ehrliches, starkes Bike kann intern gefährlicher sein als ein mittelmäßiges. Das ist schade – aber wirtschaftlich nachvollziehbar.


Kapitel 3 – Der E-Bike-Doktor: Wenn Service zur Grenze wird

Die Technik entwickelt sich rasant. Menschen tun das nicht im gleichen Tempo.

Motoren, Akkus, Sensoren, Software – moderne E-MTBs sind Systeme. Fehler sind oft unsichtbar. Ein zertifizierter Kurs ersetzt keine jahrelange Erfahrung.

Werkstätten geraten an ihre Grenzen. Nicht aus Unwillen, sondern aus Verantwortung. Ein E-Bike-Defekt ist kein platter Reifen. Er ist Haftungsfall, Sicherheitsfrage, Imageschaden.

Die Folge: lange Wartezeiten, eingeschränkter Service, Ablehnung komplexer Reparaturen. Für Kunden fühlt sich das wie Inkompetenz an – in Wahrheit ist es oft Selbstschutz.

Mehr Innovation ohne Servicekompetenz ist keine Lösung.
Sie ist eine Belastung.


Kapitel 4 – Akku-Norm EN 50604-1:2024: Sicherheit als Korrektiv

Akkus waren lange das stille Herzstück des E-MTBs. Mit der EN 50604-1:2024 rückt ein blinder Fleck in den Fokus: Sicherheit im Produkt, nicht nur im Betrieb.

Die Norm zwingt Hersteller zu sauberer Zellselektion, robuster Mechanik und kontrolliertem Versagen. Große Akkus werden komplexer und teurer. Kleine Akkus lassen sich leichter absichern.

Das ist kein Zufall, sondern erklärt, warum Super-Light-E-MTBs auch regulatorisch Sinn ergeben.

Die Norm bremst Extreme – und normalisiert den Markt.


Schlussgedanke

2026 ist eines klar: Hardcore-Mountainbiker orientieren sich stärker am High-End-Bio-Bike oder an leichten E-MTBs. Full-E-MTBs mit echter Trail-DNA werden weniger – und teurer.

Für dich heißt das:
Nicht auf Optik oder Marketing reinfallen.
Testfahren wird wichtiger.
Und offener Diskurs in der Community ist entscheidend, um das zu bewahren, worum es eigentlich geht:

Spaß im Trail.


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