Welchen Wert hat das Positionspapier „Mountainbiking und Waldnaturschutz“ des BUND Baden-Württemberg?
Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Es ist selten, dass ich einem Papier erst einmal zustimme, bevor ich es zerlege. Beim Positionspapier „Mountainbiking und Waldnaturschutz“ vom BUND Baden-Württemberg passiert genau das. Der Einstieg ist nämlich überraschend fair: Naturerleben stärkt die ökologische Orientierung, Sport in der Natur kann positive Effekte haben – und Mountainbiking wird als legitime Natursportart ausdrücklich begrüßt.
Und dann kippt es. Nicht unbedingt, weil der BUND „böse“ wäre – sondern weil Baden-Württemberg seit Jahren in einer Logik festhängt, die Konflikte produziert und anschließend so tut, als wären diese Konflikte der Beweis für die eigene Verbots-Strategie.
Das Kernproblem ist nicht „der Trail“. Das Kernproblem ist: Baden-Württemberg verweigert ein durchgängiges Netz.
Der BUND beschreibt, dass illegale Trails in Schutzgebieten und Nutzungskonflikte vermieden werden sollen. Das ist grundsätzlich legitim.
Aber die entscheidende Frage ist: Womit ersetzt man die Realität da draußen? Mit einzelnen legalisierten Insel-Trails, die irgendwo anfangen und irgendwo enden, während alles dazwischen ein Graubereich bleibt? Das ist keine Lenkung. Das ist ein Feigenblatt.
Wer Mountainbiking steuern will, braucht ein verbundenes, durchgängiges Trailnetz. Und zwar nicht nur als „Vereins-Projekt auf Probe“, sondern als echte Infrastruktur: natürliche Wege, sinnvoll verknüpft, mit klarer Kommunikation, sensiblen Sperrzonen wo nötig – und mit einer Kultur des Respekts auf Shared Trails, auf denen Wandernde und Bikende den Wald gemeinsam nutzen.
Das ist keine Romantik. Das ist das Einzige, was in einer Freizeitgesellschaft überhaupt funktioniert.
Die 2-Meter-Regel ist kein Naturschutz-Instrument. Sie ist ein Konfliktgenerator.
Rechtlich ist in Baden-Württemberg Radfahren im Wald auf Wegen unter zwei Metern grundsätzlich nicht gestattet – Ausnahmen sind möglich, aber eben nur als Ausnahme.
Das Ergebnis ist planbar: Du machst aus normaler, natürlicher Wegnutzung ein juristisches Minenfeld. Du bekommst keine Klarheit, sondern Verwirrung. Keine Bildung, sondern Schattennutzung.
Und jetzt kommt der Punkt, den man ungern laut sagt: Eine solche Regel kann sogar Konfliktwahrnehmung verstärken, weil sie ständig im Hinterkopf mitschwingt. In der Studie „Walderholung mit und ohne Bike II“ (FVA BW) ist die „Zwei-Meter-Regel“ die am häufigsten genannte Regel für Radfahrende; zugleich zeigen die Daten Zusammenhänge zwischen Regelkenntnis und berichteten Störungen/Konflikterfahrungen.
Ich übersetze das in Klartext: Wenn du ein Thema permanent kriminalisierst, kriegst du keinen Frieden – du kriegst Lagerdenken.
Und die Wissenschaft? Sie zerlegt die pauschale Dramatisierung.
Wer Naturschutz ernst nimmt, muss präzise sein. Die ökologische Forschung sagt nicht: „Alles egal.“ Sie sagt: Die Auswirkungen hängen stark von Rahmenbedingungen ab – von Nutzungsschwerpunkten, Trailführung, Nässe, Steigung, Bremszonen, saisonalen Ruhezeiten, sensiblen Habitaten und vom Management. Das zeigt z. B. eine aktuelle Review-Arbeit zu ökologischen Effekten von (E-)MTB, die kurzfristige Effekte beschreibt, aber gleichzeitig deutlich macht, wie schwierig pauschale Langzeit-Aussagen sind, weil Ökosysteme komplex sind und die Einflussfaktoren variieren.
Genauso ist es beim Thema Wildtiere: Störungen in der Nähe von Wegen sind real – der zentrale Hebel ist aber oft Distanz, Frequenz und Zeitpunkt (z. B. Brut-/Setzzeiten), nicht der moralische Zeigefinger auf eine Nutzergruppe.
Heißt: Wer ernsthaft schützen will, baut Regeln so, dass sie wirken – statt so, dass sie verbieten.
Das Absurde: ForstBW kennt die Lösung – aber das System bleibt halbgar.
ForstBW sagt öffentlich ziemlich klar, was die Praxis verlangt: attraktive und kontrollierte Trails, um Nutzung zu lenken und Bedürfnisse aller Waldbesuchenden mit Natur-, Jagd- und Bewirtschaftungsinteressen zu vereinen.
Gleichzeitig bestätigt eine Landtags-Drucksache: Die eigentliche Betriebsanweisung ist intern und nicht öffentlich zugänglich; es gibt nur eine Zusammenfassung.
Das ist der Moment, wo ich hart werde:
Wenn du ein Land bist, das eine ganze Sportart faktisch in die Ausnahme drückt, dann brauchst du maximale Transparenz, maximale Klarheit und ein durchgehendes Konzept – nicht interne Papiere und einzelne Pilot-Flecken.
Unsere Forderung: Ein echtes Shared-Trail-System – landesweit, verbunden, verständlich.
Baden-Württemberg muss aufhören, das Thema wie ein Ordnungsproblem zu behandeln. Wer alles „illegal“ nennt, bevor er ein funktionierendes Netz anbietet, darf sich nicht wundern, wenn Menschen trotzdem Wege suchen. Es wird immer welche geben, die Grenzen ignorieren – gerade deshalb brauchst du ein System, das die Mehrheit mitnimmt.
Wir wollen ein Baden-Württemberg, in dem ein Neuling nicht erst Jura studieren muss, um zu verstehen, wie man sich im Wald bewegt. Wir wollen ein Netz, das Verbindungen schafft statt Sackgassen: natürliche Trails, die existieren dürfen, klar gekennzeichnete sensible Räume, saisonale Regeln, Respekt-Standards – und ja, Shared Trails als Normalität, nicht als Ausnahmegenehmigung.
Und an den BUND: Wenn ihr wirklich Naturschutz wollt, dann kämpft nicht für ein Klima, in dem Mountainbiker nur als Störfall vorkommen. Kämpft für Rahmenbedingungen, die Verhalten verbessern, Wissen verbreiten und Nutzung konzentrieren. Euer eigenes Positionspapier liefert dafür den Einstieg – aber Baden-Württemberg braucht endlich eine Ohrfeige Richtung Politik: System statt Symbolik.
Wenn das Land weiter versagt, wird es genau die Dinge bekommen, die es angeblich verhindern will: unkontrollierte Nutzung, Misstrauen, Konfliktkultur. Und das ist dann kein „Mountainbike-Problem“. Das ist ein Management-Problem.
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