Veröffentlicht von den ⁠Radical Life Studios⁠ / ⁠MTB Report⁠

Wenn du verstehen willst, warum Baden-Württemberg beim Mountainbiken seit Jahrzehnten im Ausnahme-Modus hängt, musst du aufhören, nur über „illegale Trails“ zu reden. Das ist die Oberfläche.

Die Wahrheit ist ein System aus Blockaden, die sich gegenseitig stützen: Gesetz, Zuständigkeiten, Bürokratie – und eine Kultur, die lieber Konflikte verwaltet als Lösungen baut.

Und ja: Wenn ein Land 2026 immer noch so tut, als sei ein zusammenhängendes Trailnetz „nicht möglich“, dann ist das kein Naturschutz-Erfolg. Das ist Management-Versagen.

1) Der Hauptblocker: die 2-Meter-Regel als politischer Beton

Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, das das Radfahren im Wald auf Wegen unter zwei Metern Breite pauschal untersagt. Das ist nicht irgendeine Auslegung – das steht so im Landeswaldgesetz.

Was diese Regel in der Praxis macht, ist perfide: Sie macht Verbindungen zum Problem. Genau die schmalen natürlichen Korridore, die ein Netz überhaupt erst „logisch“ machen, werden zur Ausnahme – und damit wird ein echtes System strukturell verhindert.

2) Der zweite Blocker: Zuständigkeits-Pingpong statt einheitliches System

Selbst wenn du Ausnahmen bekommst: Du landest oft in einem Verfahren, das lokal organisiert wird – mit wechselnden Anforderungen, Gutachten-Logik und Zeitachsen, die nicht zum Alltag der Menschen passen.

Der DAV-Landesverband BW beschreibt das sehr nüchtern: Gutachten werden erstellt, aber deren Ergebnisse gehen frühestens 2026 überhaupt in Legalisierungsverfahren. Allein diese Zeitspanannen zeigen: Das System ist nicht auf eine breite Realität ausgelegt, sondern auf Einzelfälle.

Das ist genau der Moment, wo Schattennutzung entsteht: nicht weil Menschen „böse“ sind, sondern weil das offizielle Netz nicht als Netz existiert.

3) Der dritte Blocker: „Nur gekennzeichnete Wege“ als kulturelle Sackgasse

Ein wiederkehrendes Muster in der Debatte ist: Mountainbiken soll nur auf speziell gekennzeichneten Strecken stattfinden. Klingt sauber – ist aber in der Fläche oft ein Code für: „Wir wollen kein zusammenhängendes Netz, sondern Inseln.“

Baden-Württemberg bekommt damit ein Problem, das man sich selbst baut: Du förderst genau jene Nutzung, die du anschließend als „unkontrolliert“ beklagst, weil das legale Angebot nicht in die Lebensrealität passt. (Episode 2 lässt grüßen.)

4) Der vierte Blocker: ForstBW kennt die Lösung – aber hält den Werkzeugkasten intern

Jetzt wird’s spannend: ForstBW sagt öffentlich ziemlich klar, was funktionieren soll: attraktive und kontrollierte Trails, um Mountainbikende zu lenken und Konflikte zu reduzieren.

Gleichzeitig bestätigt die Landtags-Drucksache: Die eigentliche Betriebsanweisung Mountainbike ist intern und nicht öffentlich zugänglich; öffentlich ist nur eine Zusammenfassung.

Und da frage ich ganz direkt: Wie soll ein gesellschaftlicher Konflikt gelöst werden, wenn die Spielregeln hinter verschlossenen Türen liegen? Transparenz ist keine Nettigkeit. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Kommunen, Vereine, Naturschutz, Jagd und Community überhaupt auf Augenhöhe verhandeln können.

5) Der fünfte Blocker: Verbände fordern Veränderung – Politik liefert „Ja, aber…“

Der DAV-Landesverband BW fordert explizit, Mountainbiken auch auf Wegen unter zwei Metern als gelebte Realität anzuerkennen und eine gesetzliche Grundlage für gleichberechtigte Nutzung zu schaffen.
Auch die DIMB nennt die 2-Meter-Regel eine bundesweite Besonderheit und argumentiert: Es gibt keinen sachlichen Grund, Baden-Württemberg anders zu behandeln als die übrigen Bundesländer.

Das zeigt: Es fehlt nicht an Akteuren, die Veränderung wollen. Es fehlt an politischer Entscheidungskraft, aus „Ausnahmen“ endlich Regelbetrieb zu machen.


Baden-Württemberg braucht kein weiteres „Pilotprojekt“. Es braucht einen Systemwechsel:

  1. Reform der 2-Meter-Logik: weg vom pauschalen Verbot, hin zu einem modernen Rahmen mit Schutz- und Saison-Zonen.
  2. Verbundenes Trailnetz statt Inseln: Korridore + natürliche Verbindungen + klare Tabu-Zonen – als Infrastruktur, nicht als Ausnahme.
  3. Shared Trails als Normalität: mit klarer Etikette (Episode 3.1) und sichtbarer Verantwortung.
  4. Transparenz: Was ForstBW intern als Werkzeugkasten hat, muss in den gesellschaftlichen Prozess überführt werden – sonst bleibt es Verwaltungssport.

Wer weiter blockiert, bekommt nicht „mehr Naturschutz“, sondern mehr Schattennutzung, mehr Konflikt, weniger Steuerung. Das ist keine Meinung – das ist Systemlogik.


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