25 Jahre Red Bull Rampage, zurück am Originalspot, und am Ende kein Sieger: Starker Wind hat das Männerfinale schon im ersten Durchgang beendet. Seitdem streitet die Community, ob das Pech war oder ein Planungsfehler. Unsere Einordnung, und was du für deinen nächsten Bikepark-Tag daraus mitnehmen kannst.
von Robert Langer
Es sollte die große Geburtstagsparty werden. Zum 25. Jubiläum kehrte die Red Bull Rampage an ihren Ursprungsort bei Virgin im US-Bundesstaat Utah zurück, dorthin, wo 2001 alles begann. Am Samstag, 10. Oktober, standen 17 Fahrer im Finale der Männer. Sieben von ihnen kamen nie zu ihrem Run. Nach rund zweieinhalb Stunden Warten auf ein Windfenster brachen die Veranstalter ab, zum ersten Mal in der Geschichte des Events schon im ersten Durchgang. Das Ergebnis: Bei den Männern gibt es 2026 keinen Rampage-Sieger.
Kurz zur Einordnung, falls du mit dem Format weniger vertraut bist: Die Rampage ist kein Rennen gegen die Uhr, sondern ein Freeride-Wettbewerb. Jeder Fahrer baut sich mit seinem Team, den sogenannten Diggern (also den Schaufel-Helfern), über knapp zwei Wochen eine eigene Abfahrt in eine extrem steile Wüstenflanke. Diese Abfahrt heißt Line. Eine Jury bewertet dann Schwierigkeit, Sprünge, Tricks und Stil. Wind ist dabei kein Schönheitsfehler, sondern ein echtes Risiko: Wer bei einem großen Sprung in der Luft von einer Böe versetzt wird, landet nicht mehr dort, wo die Landung gebaut ist.
Was am Finaltag passiert ist
Szymon Godziek aus Polen lag mit 90 Punkten klar vorne, dahinter Jaxson Riddle (85,87) und Rampage-Neuling Kade Edwards (84,12), der trotzdem den Style-Award mitnahm. Carson Storch stürzte in einer steilen Rinne schwer und wurde per Helikopter ausgeflogen. Zum Glück ohne Brüche: Er wurde untersucht, entlassen und war noch am selben Tag zurück an der Strecke, wo ihn die anderen Fahrer zum Gewinner des Kelly McGarry Spirit Award wählten.
Dann frischte der Wind auf. Oben am Start warteten unter anderem Cam Zink, Tomas Lemoine, Tom van Steenbergen und Titelverteidiger Hayden Zablotny vergeblich. Laut Red Bull erreichten Böen aus nahen Sturmzellen zeitweise über 20 Meilen pro Stunde, also gut 32 km/h. Klingt nach wenig, bis man sich vorstellt, damit über einen Canyon-Gap zu fliegen. Van Steenbergen schrieb danach sinngemäß, er habe sich vor keinem Event je so gut gefühlt und werde nun nie erfahren, was möglich gewesen wäre.
Und warum gewinnt Godziek trotz 90 Punkten nicht? Gewertet wird offenbar nur, wenn jeder Fahrer die Chance auf einen Run hatte. Erklärt wurde diese Regel allerdings erst während der Wetterpause im Livestream. Ein öffentlich einsehbares Regelwerk, in dem man das nachlesen könnte, gibt es nicht. Für den bekanntesten Freeride-Wettbewerb der Welt ist das, freundlich formuliert, ausbaufähig.
Warum die Community kocht
Kaum war der Abbruch verkündet, liefen die Kommentarspalten über. Der Kern der Kritik ist dabei nicht der Abbruch selbst, den kaum jemand ernsthaft infrage stellt. Es ist die Vorgeschichte. Dass die Ausläufer von Tropensturm Rachel am Wochenende Utah erreichen würden, war tagelang absehbar, schon am 6. Oktober war für den Samstag zunehmender Wind angekündigt. Reagiert wurde mit einer Vorverlegung um genau eine Stunde, von 10 auf 9 Uhr Ortszeit. Der Freitag zwischen dem Frauenfinale am Donnerstag und dem Männerfinale am Samstag blieb ungenutzt.
Wie Rider in einschlägigen Foren berichten, sei das Problem nicht die Sicherheitsentscheidung am Tag gewesen, sondern das Fehlen eines Plan B für ein Wetter, das alle kommen sahen. Ein Teammanager, der nach eigenen Angaben schon 2015 mit mehreren Fahrern vor Ort war, bringt es auf den Punkt: Man hätte allen Teams früh sagen müssen, dass Freitag eine Option ist, damit sie ihre Bauarbeiten danach ausrichten. Andere fordern ein mehrtägiges Wettkampffenster, wie es beim Surfen oder auf der Freeride World Tour im Ski-Bereich längst üblich ist: Gefahren wird an dem Tag, an dem die Bedingungen passen. Und Zuschauer, die für Tickets, Flüge und Unterkünfte bezahlt haben, vermissen bislang jede Geste des Veranstalters.
Es gibt aber auch die Gegenstimmen, und sie kommen auffällig oft von Leuten, die vor Ort waren. Der Tenor dort: Niemand am Berg habe sehen wollen, dass jemand bei diesen Böen abspringt. Einheimische beschreiben den Sturm, der danach kam, als außergewöhnlich heftig, mit Überflutungen und weggespülten Straßen. Und mehrere erinnern daran, dass viele Digger dafür Urlaub nehmen und ein Teil von ihnen nach Aussagen aus der Szene nicht einmal bezahlt wird. Eine Woche mehr in der Wüste ist für sie keine Kleinigkeit.
| „Der Abbruch war richtig. Dass es überhaupt so weit kommen musste, war es nicht.“ |
Was der Veranstalter sagt
Todd Barber, der die Rampage vor 25 Jahren gegründet hat und sie bis heute leitet, hat sich zwei Tage nach dem Abbruch in einem ausführlichen Interview erklärt. Einige seiner Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Ein Finale vorzuziehen habe man schon einmal gemacht, 2015, und die Athleten seien darüber ziemlich verärgert gewesen. Auch diesmal habe er am Mittwoch die beiden gewählten Athletenvertreter gefragt, ob Freitag eine Option wäre. Die Antwort sei ein klares Nein gewesen: Manche Lines seien erst Freitagabend fertig geworden, viele Fahrer seien ihre kompletten Runs zum ersten Mal am Abend vor dem Finale gefahren.
Zum Finaltag schildert Barber Dinge, die im Stream kaum rüberkamen. Etwa eine Stunde nach dem Abbruch habe es im Umkreis von acht Meilen (knapp 13 Kilometer) zwei Blitzeinschläge gegeben, was nach Protokoll ohnehin die Räumung des Geländes erzwingt. Sand und Geröll hätten die Lines zugeweht, das Moderationsset sei vom Wind rund 15 Meter weit getragen worden. Vor Ort waren etwa 2.000 Zuschauer. Ein Nachholtermin sei unrealistisch gewesen: Nach tagelangem Regen wären die von Hand gebauten Absprünge und Landungen aufgeweicht, und eine Woche Verschiebung sei bei Größe und Kosten des Events nicht machbar.
Aufhorchen lässt vor allem, was Barber zur Zukunft sagt: Die Rampage sei immer eine Entscheidung von Jahr zu Jahr. Wollen die Athleten weitermachen, gibt es einen geeigneten Ort, passt es zu den Plänen und dem Budget von Red Bull? Man hoffe, das Event nächstes Jahr wieder auszurichten. Ein klares Ja klingt anders, und genau so wird es in der Szene auch gelesen. Wie aufwendig schon diese Ausgabe war, zeigt ein Detail: Die Genehmigungen der US-Landbehörde BLM für den Originalspot brauchten fast zwei Jahre Vorlauf und lagen erst am 21. August vor.
Unsere Einordnung
Wir halten die Entscheidung vom Samstag für richtig. Punkt. Wer Freeride auf diesem Niveau bei Sturmböen laufen lässt, spielt mit der Gesundheit der Fahrer. Bei einem Event, das regelmäßig Helikopter-Einsätze sieht, ist das Sicherheitsargument keine Ausrede, sondern Pflicht.
Trotzdem greift Barbers Appell an die Fans, weniger negativ zu sein, zu kurz. Kritik an der Planung ist keine Negativität. Eine Unwetterlage, die eine Woche vorher auf dem Radar ist, ist kein Schicksal, sondern ein Planungsfall. Zwei Athletenvertretern am Mittwoch eine theoretische Frage zu stellen, ist etwas anderes, als allen Teams von Anfang an einen Ausweichtag mitzugeben. Ein fest eingeplantes Wetterfenster kostet Geld, Zeit und Nerven, keine Frage. Ein komplett abgesagtes Finale, für das 17 Teams zwei Wochen lang geschaufelt haben, kostet aber etwas, das man schwerer zurückkauft: Glaubwürdigkeit.
Und dann ist da noch die eigentliche Geschichte dieser Rampage, die im ganzen Ärger fast untergeht. Robin Goomes aus Neuseeland hat am Donnerstag mit 93,50 Punkten ihren dritten Titel in Folge geholt, knapp vor Hannah Bergemann. Was das Frauenfeld inzwischen in diese Hänge legt, hätte vor wenigen Jahren kaum jemand für möglich gehalten. Die Siegerinnen dieser Ausgabe stehen also fest. Sie sind nur schon am Donnerstag gefahren.
Was du als Normalfahrer daraus mitnimmst
Klar, du baust keine Line in die Wüste von Utah. Aber Wind kennst du trotzdem. Im Bikepark, auf der Jumpline am Hausberg oder auf einem offenen Grat kann dich eine Böe im falschen Moment in der Luft versetzen oder dir das Vorderrad wegdrücken. Je größer der Sprung, desto länger bist du in der Luft und desto mehr Angriffsfläche hast du.
- Bei böigem Wind die großen Sprünge auslassen und lieber die Chicken Line nehmen, also die einfachere Umfahrung, die es an fast jedem großen Feature gibt.
- Auf freien Kuppen und Graten besonders aufpassen. Im Wald ist es oft deutlich ruhiger.
- Vor dem Bikepark-Tag die Windprognose checken und dabei auf die Böen achten, nicht nur auf den Mittelwert.
- Und vor allem: Nein sagen ist ein Skill. Niemand muss jeden Sprung fahren, nur weil die Kumpels es tun.
In einem der Forenthreads nach dem Abbruch brachte es ein Fahrer sinngemäß so auf den Punkt: Im Actionsport ist Nein nie die falsche Antwort, Ja manchmal schon. Das gilt in Virgin genauso wie auf deinem Hometrail.
Ob es 2027 eine Rampage gibt, ist offen. Wir hoffen darauf, am liebsten mit einem Wetterfenster.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
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