Orbea Wild LT vs. Santa Cruz Bullit (5)

von Robert Langer

Gleicher Federweg, fast gleiche Winkel, beide um die 22 Kilo. Auf dem Datenblatt sind das Orbea Wild LT und das Santa Cruz Bullit Zwillinge. Darunter stecken zwei völlig verschiedene Antworten auf eine Frage, die bald jeden E-MTB-Kauf prägt: Wer bestimmt eigentlich, wie sich dein Bike anfühlt? Der Rahmenbauer, der Motor oder ein Software-Update, das erst nach dem Kauf kommt?

Auf dem Papier: fast Zwillinge

Beide Bikes haben 170 Millimeter Federweg vorne und hinten, einen flachen Lenkwinkel um 63,3 Grad und einen steilen Sitzwinkel, der dich bergauf über das Tretlager schiebt. Beide sind keine echten Downhill-Bikes, denn dafür fehlt die Doppelbrückengabel. Santa Cruz nennt das Bullit trotzdem selbstbewusst ein Downhill-Bike mit eingebautem Sessellift. Ehrlicher ist der Begriff E-Enduro mit Gravity-Anspruch: gemacht für ruppige Abfahrten, aber mit dem Versprechen, dass du selbst wieder hochkommst.

Orbea Wild LT (2027)Santa Cruz Bullit 4
Federweg v/h170 / 170 mm (Gabel optional 180)170 / 170 mm
MotorAvinox M2S mit Orbea RS-TuneBosch Performance Line CX (Gen 5)
Drehmoment130 Nm, Super Boost 150 Nm (max. 60 s)85 Nm ab Werk, per Update bis 120 Nm
Akku800 Wh Serie, 600 Wh optional600 Wh fest, kein 800er möglich
Laufräder29 Zoll oder Mullet, frei wählbarnur Mullet (29 vorne, 27,5 hinten)
HinterbauConcentric Boost (vom Rallon abgeleitet)Viergelenker statt VPP
Lenk- / Sitzwinkel63,9 / 63,3 Grad, Sitz 78 / 77,5 Grad63,3 Grad, Sitz 78,7 Grad
Kettenstrebe448 mm in allen Größenje nach Rahmengröße
Gewicht (real)ca. 22 bis 24 kg je nach Ausstattungknapp 22 bis 22,4 kg
Preis (UVP)6.999 bis 13.499 Euro7.649 bis 11.699 Euro

Stand Oktober 2026, Hersteller- und Händlerangaben. Preise können je nach Händler und Modelljahr abweichen.

Über Kreuz: Zwei Marken haben die Seiten getauscht

Hier wird es spannend, und zwar abseits jeder Tabelle. Das bisherige Orbea Wild fuhr mit einem Bosch-Motor. Das neue Wild LT hat Bosch rausgeworfen und setzt komplett auf den Avinox M2S, also auf den Motor aus dem Haus des Drohnen-Weltmarktführers DJI, der inzwischen als eigenständige Marke auftritt. Santa Cruz ging genau den umgekehrten Weg: Das alte Bullit lief mit Shimano, das neue setzt auf Bosch.

Zwei Hersteller, zwei Richtungen, ein Kreuzungspunkt. Santa Cruz wählt das, was der Markt seit Jahren kennt: Bosch-Service gibt es in fast jedem Bikeshop zwischen Hamburg und Bozen. Orbea wettet auf den Herausforderer, der gerade die Branche aufmischt. Wie schnell das geht, zeigt ein Blick auf die Eurobike: Rider in einschlägigen Foren zählten dort mehr als zwanzig neue Avinox-Modelle, und selbst Cube baut den Motor inzwischen in sein meistverkauftes E-MTB. Andere Stimmen in der Community bleiben skeptisch und fragen, ob Service und Ersatzteilversorgung mit diesem Tempo mithalten.

Früher hat man einen Motor in ein Bike gebaut. Heute baut man ein Bike um einen Motor.

Der Motor baut den Rahmen

Bei Santa Cruz war VPP jahrzehntelang so etwas wie die Unterschrift der Marke. VPP ist eine bestimmte Art, den Hinterbau über zwei kurze Hebel einfedern zu lassen. Beim Bullit ist das Geschichte: Santa Cruz hat auf einen klassischen Viergelenker umgestellt, im Fachjargon Horst-Link. Der Grund ist schlicht Platz. Der Bosch-Motor sitzt da, wo VPP seine Lager braucht. Der Umbau brachte nebenbei mehr Platz für längere Variostützen und erstmals eine Rahmengröße S. In der Fanszene hat das ordentlich Staub aufgewirbelt. Für dich auf dem Trail zählt am Ende aber nicht das Logo auf der Federungsart, sondern ob das Heck Traktion liefert und bei harten Schlägen ruhig bleibt.

Orbea erzählt dieselbe Geschichte andersherum. Weil der Avinox kompakter baut als der alte Motor, konnten die Basken den Hauptdrehpunkt verlegen und das Tretlager tiefer setzen. Ein tiefer Schwerpunkt ist genau das, was ein schweres E-Bike in Kurven und Sprüngen gutmütiger macht. Was beide Bikes also gemeinsam erzählen: Der Motor ist nicht mehr nur ein Bauteil. Er entscheidet, wie der Rahmen aussieht.

Das Bike, das du kaufst, ist nicht das Bike, das du fährst

Das ist für uns der wichtigste Punkt dieses Vergleichs, und er betrifft jeden, der gerade ein E-MTB kauft. Der Bosch CX im Bullit kam mit 85 Newtonmeter auf den Markt. Mitte 2025 schaltete Bosch per kostenlosem Update 100 Nm frei. Seit Mai 2026 geht mit dem Performance Upgrade 2.0 sogar bis zu 120 Nm und 600 Prozent Unterstützung, sofern der Bike-Hersteller das freigibt. Händler bewerben das Bullit inzwischen mit genau diesen 120 Nm. Das Bike in deiner Garage wird also nach dem Kauf stärker, per App.

Orbea geht noch einen Schritt weiter. Die Basken sind die ersten, die eine eigene Firmware für den Avinox schreiben dürfen. Ihr sogenannter RS-Tune liefert 130 Nm im Normalbetrieb und für bis zu 60 Sekunden 150 Nm im Super Boost. Interessant ist aber, womit Orbea wirbt: nicht mit dem Maximum, sondern mit schnellerer, feinerer Reaktion auf deinen Pedaldruck.

Was bedeutet das für dich? Kostenlose Updates sind erst mal eine gute Nachricht. Gleichzeitig ist es ein Wettrüsten, das wir kritisch sehen. Bosch selbst weist darauf hin, dass mehr Drehmoment mehr Verschleiß an Kette, Ritzel und Reifen bedeutet und den Akku schneller leert, und empfiehlt für den Alltag weiterhin die 85 Nm. Für Einsteiger ist nicht die Spitzenzahl entscheidend, sondern wie fein sich die Unterstützung dosieren lässt. Ein Motor, der in einer steilen Wurzelpassage plötzlich zu viel schiebt, hilft dir nicht, er schmeißt dich ab. Unsere Haltung bleibt: mehr Bike, weniger Moped.

120 oder 150 Newtonmeter sind Werbezahlen. Auf dem Trail zählt, wie sanft der Motor einsetzt.

Akku: 600 gegen 800 Wattstunden, und eine bewusste Entscheidung

Beim Bullit ist der Akku fest verbaut und hat 600 Wattstunden. Ein größerer passt nicht in den Rahmen. Santa Cruz hat das bewusst so entschieden, weil der kleinere Akku leichter und schmaler ist und das Bike handlicher machen soll. Wer mehr Reichweite will, schnallt sich den Bosch PowerMore Range Extender mit 250 Wh an. Händler sprechen von einem normalen Tag mit 1.000 bis 1.500 Höhenmetern pro Akkuladung. In der Community gehört die Akkugröße trotzdem zu den meistkritisierten Punkten: Gerade bei einem Gravity-Bike mit klebrigen Reifen wünschen sich viele jede Wattstunde, die geht.

Das Wild LT kommt serienmäßig mit 800 Wh, wer Gewicht sparen will, kann 600 Wh wählen. Und hier hängt alles zusammen: Wer beim Bullit die 120 Nm voll ausschöpft, leert die 600 Wh entsprechend schneller. Mehr Power und kleiner Akku ist eine Kombination, die du bewusst fahren musst.

Laufräder: Wahlfreiheit gegen Überzeugung

Das Bullit gibt es nur als Mullet, also mit 29-Zoll-Vorderrad und 27,5-Zoll-Hinterrad. Kurz erklärt: Das große Vorderrad rollt souverän über Hindernisse, das kleinere Hinterrad macht das Bike in engen Kurven wendiger und lässt dir in steilen Passagen mehr Platz hinter dem Sattel. Santa Cruz ist überzeugt, dass das leichtere Hinterrad zusätzlich das Akkugewicht ausgleicht.

Orbea lässt dir die Wahl. Jedes Wild LT gibt es als vollen 29er oder als Mullet-Variante Wild/M LT, umgebaut über einen eigenen Umlenkhebel. Unsere Faustregel für Normalfahrer: Bist du eher kleiner oder fährst du viel enge, verwinkelte Trails, ist Mullet die entspanntere Wahl. Fährst du schnelle, offene Strecken, spielt der große 29er seine Laufruhe aus.

Was Besitzer berichten

Das Bullit ist seit gut einem Jahr auf dem Markt, entsprechend viel Erfahrung gibt es. Wie Besitzer in Foren zusammentragen, sind Rahmen, Motor und Akku bisher erstaunlich unauffällig. Die Mängelliste besteht eher aus Kleinkram wie ausgeschlagenen Buchsen, einem verbogenen Bremshebel und Ärger mit der App. Dazu kommt ein echtes Argument für Normalfahrer: lebenslange Garantie auf den Rahmen und kostenlose Lager, ebenfalls ein Leben lang.

Das Wild LT ist erst seit dem Sommer 2026 da, und die Diskussion dreht sich vor allem um Verfügbarkeit. Rider berichten, dass ihre Händler teils erst im Frühjahr 2027 Nachschub erwarten und sich Liefertermine immer wieder nach hinten schieben. Einzelne klagen über App-Macken, etwa gesperrte Einstellungen für Laufradgröße oder Kettenblatt. Und beim Gewicht klaffen Werbung und Waage auseinander: Orbea nennt Topmodelle unter 21 Kilo, reale Bikes landen nach Berichten eher zwischen 22 und 24 Kilo. Einige Besitzer der Vorgängergeneration hoffen außerdem, dass Orbea die Lager-Hardware verbessert hat, die beim alten Wild als Schwachstelle galt.

Preis: Das Orbea liefert mehr fürs Geld, auf dem Papier

Das Wild LT startet bei 6.999 Euro, sowohl als Carbonmodell M20 als auch als Alu-Variante H10, und reicht bis 13.499 Euro für das Topmodell M-LTD RS. Das Bullit kostet zwischen 7.649 und 11.699 Euro. Rein nach Datenblatt bekommst du beim Orbea mehr Akku und mehr Drehmoment für weniger Geld. Was nicht im Datenblatt steht: Garantie, Lagerservice, Händlernetz und Wiederverkaufswert. Genau da spielt Santa Cruz seine Stärken aus.

Und was heißt das jetzt für dich?

  • Du willst Ruhe und keine Experimente: Bullit. Etablierter Motor, Service fast überall, lebenslange Garantie. Dafür zahlst du mehr und lebst mit 600 Wh.
  • Du fährst viele Höhenmeter aus eigener Kraft, etwa lange Hausrunden mit steilen Anstiegen: Wild LT. Mehr Akku, mehr Preis-Leistung, freie Laufradwahl. Dafür setzt du auf einen Neuling und brauchst Geduld beim Händler.
  • Du fährst fast nur Bikepark mit Lift: Ehrlich gesagt, keins der beiden. Ein Downhill-Bike mit eingebautem Lift brauchst du nicht, wenn der Lift schon da ist. Ein Enduro ohne Motor ist leichter, günstiger und verzeiht im Park mehr.

Der eigentliche Unterschied zwischen diesen beiden Bikes ist also nicht 120 gegen 150 Newtonmeter. Es ist die Frage, ob du einem System vertraust, das seit Jahren im Markt steht, oder einem Herausforderer, der gerade alles durcheinanderwirbelt. Beides ist eine legitime Wahl. Wichtig ist nur, dass du weißt, welche du triffst.

Published by Radical Life Studios / MTB Report


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