von Robert Langer
Grün, Blau, Rot, Schwarz, manchmal sogar Doppelschwarz: Die Schilder am Trailstart sehen aus wie auf der Skipiste. Ein gemeinsamer Standard steckt aber selten dahinter. Wir erklären die Singletrail-Skala von S0 bis S5, zeigen, warum ein blauer Trail in Tirol etwas anderes ist als ein blauer Trail nach S-Skala oder in England, und was du daraus für deine nächste Abfahrt mitnimmst.
Du stehst am Einstieg, das Schild ist blau, also „leicht“. Hundert Meter später kommen Wurzelteppich, Stufe, enge Kurve, und du fragst dich, wer das bitte eingestuft hat. Damit bist du nicht allein. Die Frage taucht in Rider-Foren regelmäßig auf, und die ehrliche Antwort ist unbequem: Die Farbe sagt dir zuerst, wie der Betreiber seinen Trail sieht. Wie er sich für dich anfühlt, steht nicht drauf.
Damit du künftig weißt, worauf du dich einlässt, sortieren wir das Durcheinander einmal sauber. Erst die S-Skala, dann die Farben, dann das Doppelschwarz. Und am Ende gibt es sechs Tipps, mit denen du jede Einstufung besser liest.
Erst mal sortieren: S0 bis S5, ein S6 gibt es nicht
Oft ist von „S1 bis S6“ die Rede. Die Singletrail-Skala (kurz STS) hat aber sechs Stufen, und die laufen von S0 bis S5. Entwickelt haben sie Carsten Schymik, David Werner und Harald Philipp, aufbauend auf der Skala des Vertrider-Urgesteins Willi Hofer. Die Deutsche Initiative Mountainbike (DIMB) unterstützt die Skala, sie ist Teil der DIMB-Guide-Ausbildung, steht im Alpin-Lehrplan des DAV und im Übungsleiterkurs des Österreichischen Alpenvereins. Nach oben ist sie offen. Wer von S6 spricht, meint also kein offizielles Level, sondern: noch krasser als S5.
Was die Stufen in der Praxis bedeuten, kurz und ohne Fachchinesisch:
- S0: Flüssiger Wald- oder Wiesenweg, griffiger Boden, keine Stufen, keine Wurzelpassagen, weite Kurven. Hier lernst du Trailfahren.
- S1: Kleinere Hindernisse wie flache Wurzeln und Steine, ausgewaschene Rinnen, stellenweise loser Boden. Bis zu 40 Prozent Gefälle, keine Spitzkehren (das sind enge Haarnadelkurven).
- S2: Größere Wurzeln und Steine, oft loser Untergrund, Stufen und flache Treppen, enge Kurven. Passagenweise bis zu 70 Prozent steil.
- S3: Verblockt, also Felsen und Wurzeln dicht an dicht. Hohe Stufen, Spitzkehren, rutschiger Boden, Steilheiten über 70 Prozent sind keine Seltenheit. Ab hier brauchst du echte Fahrtechnik.
- S4: Sehr steil und stark verblockt, extreme Rampen, das Kettenblatt setzt an Stufen auf. Gefragt sind Trial-Techniken wie das Versetzen des Hinterrads.
- S5: Geröllfelder, Erdrutsche, mehrere hohe Absätze direkt hintereinander, kaum Auslauf. Für Normalfahrer schlicht unfahrbar.
Zwei Details machen die Skala genauer, als viele denken. Erstens gibt es eine Feinabstufung mit Plus und Minus: Ein S2+ ist ein S2 am oberen Ende. Zweitens wird ein Trail nicht über einen Kamm geschoren. Ein typischer Eintrag lautet „S2 mit zwei S3-Passagen“. Genau diese Passagen entscheiden, ob du sauber durchkommst.
Was die S-Skala bewusst nicht misst
Die Einstufung gilt für ideale Bedingungen: trocken und bei Tageslicht. Nicht eingerechnet sind laut den Machern der Skala die Absturzgefahr, das Wetter, die Lichtverhältnisse und dein Tempo. Bei Nässe oder höherer Geschwindigkeit verschiebt sich der fahrtechnische Anspruch spürbar nach oben. Ein S2 im Oktoberregen mit Laub auf den Wurzeln ist ein anderes Tier als derselbe Trail an einem trockenen Julitag.
| Die Farbe ist ein Versprechen des Betreibers. Der S-Grad ist eine Beschreibung des Bodens. |
Die Farben: Eine Palette, mehrere Systeme
Jetzt wird es verwirrend, denn die Farben stammen aus dem Skisport und wurden von verschiedenen Stellen unterschiedlich übersetzt. Die Singletrail-Skala selbst ordnet ihre Stufen drei Farben zu: Blau steht für leicht (S0 und S1), Rot für mittel (S2), Schwarz für schwer (S3 und alles darüber). Grün kommt in dieser Logik gar nicht vor.
Tirol geht einen eigenen Weg. Dort gilt ein landesweit einheitliches System mit vier Farben: Grün ist S0, Blau reicht von S1 bis S2, Rot von S2 bis S3, Schwarz beginnt bei S3. Dazu kommen konkrete Werte. Ein blauer Trail hat im Schnitt höchstens 12 Prozent Gefälle und maximal 30 Prozent, ist mindestens 60 Zentimeter breit. Ein roter darf im Schnitt 20 Prozent haben, maximal 60, und auf 30 Zentimeter schrumpfen. Schwarz bedeutet über 20 Prozent im Schnitt, Spitzen ab 70 Prozent und Trails bis hinunter auf 20 Zentimeter.
Heißt konkret: Ein blauer Trail in Tirol darf S2-Passagen haben, die nach der Farblogik der S-Skala schon rot wären. Ein roter Tiroler Trail kann S3 enthalten, nach S-Skala-Farben bereits schwarz. Niemand macht hier etwas falsch. Es sind einfach zwei verschiedene Lineale.
Im englischsprachigen Raum wird es noch bunter. In den USA nutzt die IMBA (der internationale Mountainbike-Verband) Form und Farbe: weißer Kreis für ganz leicht, grüner Kreis, blaues Quadrat, schwarze Raute und doppelte schwarze Raute. Ein Rot gibt es dort nicht. In England stellt die staatliche Forstverwaltung Forestry England ihre Trailcenter gerade schrittweise auf ein neues System um: Grün, Blau, Rot, Schwarz und neu Doppelschwarz für „extrem“. Im alten System gab es stattdessen Orange für Bikeparks.
| System | Grün | Blau | Rot | Schwarz | Doppelschwarz |
|---|---|---|---|---|---|
| Singletrail-Skala (Farbzuordnung) | nicht vorgesehen | leicht: S0 bis S1 | mittel: S2 | schwer: S3 und mehr | nicht vorgesehen |
| Tirol (landesweit) | sehr leicht: S0 | leicht: S1 bis S2 | mittelschwierig: S2 bis S3 | schwierig: ab S3 | nicht vorgesehen |
| Forestry England (neues System) | leicht | moderat | schwierig | schwer | extrem |
| IMBA (USA) | grüner Kreis: leicht (dazu weißer Kreis: am leichtesten) | blaues Quadrat: mittel | kein Rot | schwarze Raute: sehr schwierig | doppelte Raute: extrem |
Für England und die USA gibt es keine offizielle Übersetzung in S-Grade. Wir haben deshalb bewusst keine erfunden.
| Blau heißt in Tirol S1 bis S2. Nach der Farblogik der S-Skala ist S2 aber schon rot. |
Doppelschwarz: Wenn Schwarz nicht mehr reicht
Die doppelte schwarze Raute kommt aus der nordamerikanischen Skikultur und hat sich über die IMBA im Mountainbiken festgesetzt. Mit dem neuen System in England ist sie nun auch in Europa offiziell definiert: sehr schnelle, steile Abfahrten, große Drops und Sprünge, Hindernisse ohne Umfahrung, die viel Können und Entschlossenheit verlangen, und ein extremes Maß an Risiko. In Kielder Forest im Norden Englands etwa bieten neu gebaute Trails schwarze und doppelschwarze Varianten an.
Für den deutschsprachigen Raum gibt es keine verbindliche Regel. Wenn ein Bikepark eine Line doppelschwarz markiert, sagt das vor allem: Hier hört der Spaß für die meisten auf. Was genau dahintersteckt, musst du beim jeweiligen Park nachlesen. Eine offizielle Übersetzung in S-Grade existiert nicht.
Warum dieselbe Farbe überall anders aussieht
Kein gemeinsamer Standard. Jede Region, jeder Park und jede App definiert für sich. Solange das so bleibt, ist ein Farbvergleich zwischen zwei Destinationen ein Glücksspiel.
Durchschnitt oder härteste Stelle? Die S-Skala bewertet Abschnitt für Abschnitt. Viele Farbsysteme vergeben dagegen eine Farbe für die ganze Strecke. In Australien schreibt die Branchenrichtlinie ausdrücklich vor, dass sich die Einstufung am schwierigsten Abschnitt orientieren muss. Rider in einschlägigen Foren berichten immer wieder von grünen Trails, die wegen einzelner Stellen eigentlich blau sein müssten, und von roten Strecken, deren unteres Drittel klar schwarz ist.
Trail-Inflation. In Großbritannien beobachten Trail-Ranger, dass jede neue Generation von Trailcentern ein bisschen härter gebaut wurde als die vorherige. Das Ergebnis kann auch andersherum ausfallen: Im Hamsterley Forest im Nordosten Englands waren sich viele Rider einig, dass der blaue Trail eher ein grüner ist. Forestry England plant dort nun einen neuen, echten blauen Trail.
Gebaut oder natürlich. Ein blauer Flowtrail im Bikepark mit Anliegern (das sind überhöhte Kurven) und überrollbaren Wellen fordert ganz andere Fähigkeiten als ein blauer Naturtrail in den Alpen mit Wurzeln und Steinen. Wer das eine kann, kann das andere noch lange nicht.
Die Strecke lebt. Bremswellen im Spätsommer, Erosion nach Starkregen, ein frisch geschotterter Abschnitt: Der Trail von heute ist nicht der Trail, der vor drei Jahren eingestuft wurde.
In der Community läuft dazu eine Grundsatzdebatte. Die einen sagen: Bewertet wird der Trail, nicht der Fahrer, sonst wird alles beliebig. Die anderen wünschen sich Zwischenstufen wie „Blau plus“ oder „Rot minus“, damit Einsteiger den Sprung zur nächsten Farbe besser planen können. Die S-Skala hat genau das mit ihrem Plus und Minus übrigens längst im Werkzeugkasten.
| Wer nur nach der Farbe fährt, fährt nach dem Bauchgefühl eines Fremden. |
So liest du Trails richtig: Sechs Tipps
- Frag nach dem System. Steht neben der Farbe ein S-Grad oder eine Legende? Wenn nicht, wirf vorher einen Blick auf die Website des Parks oder der Region. Viele Karten-Apps zeigen S-Grade aus OpenStreetMap an, dort werden Wege mit Werten von 0 bis 5 markiert.
- Lies die härteste Stelle, nicht den Durchschnitt. „S2 mit S3-Passagen“ heißt: Du musst S3 fahren können oder bereit sein, kurz abzusteigen.
- Neue Region, eine Stufe leichter. Die erste Abfahrt in einem unbekannten Park oder Gebiet wählst du eine Farbe unter deinem Heimniveau. Danach tastest du dich hoch.
- Nass, Laub, Dämmerung: gedanklich eine Stufe drauf. Das ist unsere Faustregel, kein offizieller Wert. Sie hat aber schon so manches Schlüsselbein gerettet.
- Absteigen ist Fahrtechnik. Eine Schlüsselstelle zu schieben ist kein Versagen, sondern Urteilsvermögen. Geh dabei zur Seite, damit Nachfolgende Platz haben.
- Üben, wo es sicher ist. Skills-Areas in Bikeparks und Fahrtechnikkurse bringen dich schneller weiter als Trial-and-Error am Berg. Ausgebildete DIMB-Guides arbeiten übrigens mit genau dieser S-Skala.
Unsere Haltung: Farbe plus S-Grad, auf jedes Schild
Die Farben haben ihre Berechtigung. Jeder kennt sie aus dem Winter, sie funktionieren auf einen Blick. Genau das ist aber auch ihr Problem: Sie tun so, als gäbe es einen Standard, den es nicht gibt. Tirol zeigt, wie es besser geht. Farbe, S-Spanne, Gefälle und Trailbreite stehen öffentlich nachvollziehbar nebeneinander.
Unsere Forderung an Bikeparks und Trailregionen im DACH-Raum ist deshalb einfach: Druckt den S-Grad neben die Farbe, und markiert Schlüsselstellen, die deutlich über dem Rest liegen. Das kostet fast nichts und erspart Einsteigern Frust, Stürze und im schlimmsten Fall den Heimweg im Krankenwagen. Und an euch Rider: Die beste Skala ersetzt nicht den eigenen Blick. Anhalten, anschauen, entscheiden. Das gehört zum Mountainbiken dazu wie der Helm.
Die Farbe am Trailstart ist ein erster Hinweis, keine Garantie. Wer die S-Skala kennt, weiß, dass es S0 bis S5 gibt und dass die härteste Passage zählt, liest Trails deutlich sicherer. Blau ist nicht gleich Blau. Aber wer weiß, welches Blau gemeint ist, fährt entspannter.
Published by Radical Life Studios / MTB Report
- Blau ist nicht gleich Blau: Was Trailfarben wirklich bedeuten und warum dir die S-Skala mehr verrät
- Mehr Bike, weniger Moped
- Paganella Bike Park: Der komplette Guide zu Trentinos Drei-Zonen-Revier
- 3-Länder Enduro Trails am Reschenpass: Alle Trails, Preise & Infos 2026
- Alle Bikeparks Europas: Der komplette Guide 2026
- MTB Report „Frühling 2026“: Öffnungszeiten der Bikeparks – so gut lässt sich die Saison jetzt schon planen
- MTB-Report – März 2026 – Konflikttreiber BUND
- MTB Report — Februar 2026 — Der MTB-Markt ist erwachsen geworden
- MTB Report 🇩🇪 – Januar 2026
- MTB-Report 🇩🇪 – Dezember 2025 – Stone King Rally – das letzte echte Abenteuer zwischen Hochalpen und Meer
- MTB REPORT 🇩🇪 – November 2025
- MTB Report 🇩🇪 – Oktober 2025 | Neustart, Trails & Hoffnung













No responses yet